KI-Aktien: 30 % mehr Gewinn – und trotzdem 22 % Kursverlust?

Stell dir vor: Dein KI-Unternehmen steigert den Gewinn je Aktie um 30 Prozent. Du feierst. Dein Depot zeigt trotzdem minus 22 Prozent. Ein Rechenfehler? Nein: In unserer ausdrücklich erfundenen Modellrechnung passen beide Zahlen zusammen. Willkommen im Unterschied zwischen einem erfolgreichen Geschäft und dem Preis, den du dafür bezahlst.

Wer KI-Aktien bewerten möchte, braucht deshalb mehr als Begeisterung für die Technik. Eine Präsentation voller Raketen-Emojis ersetzt keinen Blick auf den Kaufpreis. Wir spielen einen einfachen Fall durch und bauen daraus fünf Fragen für deine nächste Aktienrecherche.

Die Firma liefert. Was hast du dafür bezahlt?

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Für ein rückblickendes KGV werden vergangene Gewinne verwendet. Es ist damit eine Kennzahl zum Vergleich von Preis und Gewinn, keine fertige Kaufentscheidung. Die Rechenregel lautet: KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie. [1]

Umgestellt ergibt sich: Aktienkurs = Gewinn je Aktie × KGV. Für unser Beispiel brauchen wir also zwei Annahmen: den Gewinn und das Bewertungsvielfache. Gewinnwachstum allein garantiert keinen höheren Kurs, wenn das Bewertungsvielfache sinkt.

Eigene Modellrechnung: Die Promptomat AG enttäuscht niemanden – außer dein Depot

Die Promptomat AG ist frei erfunden. Zu Beginn kostet ihre Aktie 180 Euro. Der Gewinn je Aktie beträgt 3 Euro für das vorangegangene Jahr. Daraus folgt ein KGV von 60. Ein Jahr später beträgt der Jahresgewinn je Aktie 3,90 Euro. Wir nehmen an, dass die Aktie dann nur noch mit einem KGV von 36 gehandelt wird.

KennzahlZu BeginnEin Jahr später
Jahresgewinn je Aktie3,00 €3,90 €
KGV6036
Rechnerischer Aktienkurs180,00 €140,40 €

Eigene Berechnung: Der Gewinn steigt um 30 Prozent. Das KGV fällt um 40 Prozent. Der Kurs verändert sich um (3,90 × 36) ÷ (3,00 × 60) − 1 = −22 Prozent. Aus 1.800 Euro für zehn Aktien werden rechnerisch 1.404 Euro. Die Firma hat ihre Hausaufgaben gemacht; dein Einstiegspreis bekommt trotzdem eine schlechte Note.

Warum gerade KGV 36? Weil wir diesen Wert als Szenario setzen. Er ist weder Kursziel noch Aussage darüber, welches KGV für KI-Unternehmen angemessen wäre. Dividenden, Gebühren, Steuern und Wechselkurse bleiben in diesem Beispiel unberücksichtigt. Es zeigt ausschließlich eine mögliche Kursentwicklung unter den genannten Annahmen.

Und wenn die Bewertung gleich bleibt?

Bei unverändertem KGV von 60 ergäben 3,90 Euro Gewinn einen Kurs von 234 Euro: plus 30 Prozent. Bei KGV 50 wären es 195 Euro: plus 8,33 Prozent. Bei KGV 30 wären es 117 Euro: minus 35 Prozent. Alle drei Ergebnisse sind eigene Modellrechnungen mit demselben Gewinn. Wir behaupten keine Wahrscheinlichkeit für einen dieser Fälle.

Unsere Schlussfolgerung aus dem Beispiel: Die Aussage „KI wird wichtiger“ beantwortet noch nicht die Frage „Welchen Preis rechtfertigt diese konkrete Aktie?“. Notiere deshalb nicht nur deine Wachstumserwartung, sondern auch, welche Bewertung du am Ende deiner Rechnung voraussetzt.

Fünf Fragen, bevor du eine KI-Aktie kaufst

  1. Was verkauft die Firma genau? Formuliere den zahlenden Kunden, das Produkt und den Nutzen in einem Satz. Für US-Unternehmen findest du die Geschäftsbeschreibung im Abschnitt „Business“ des 10-K. [3]
  2. Welche Zahl wächst? Prüfe Umsatz, Gewinn und Mittelzufluss getrennt. Die Gewinnrechnung erfasst Erträge und Aufwendungen; die Kapitalflussrechnung zeigt Zahlungsströme. Ein ausgewiesener Gewinn ist nicht dasselbe wie ein Geldzufluss. [2]
  3. Welche Gewinnbasis verwende ich? Schreibe den Zeitraum dazu. Verwechsle einen bereits berichteten Jahresgewinn nicht mit deiner Annahme für das nächste Jahr. Verwende im Vergleich dieselbe Grundlage.
  4. Was darf schiefgehen? Lies die „Risk Factors“ und die Erläuterungen des Managements. Diese Abschnitte behandeln wesentliche Risiken beziehungsweise die Geschäftsentwicklung aus Unternehmenssicht. Übersetze drei davon in konkrete Fragen an deine eigene Rechnung. [3]
  5. Funktioniert meine Rechnung auch mit einem niedrigeren KGV? Rechne mindestens einen weniger freundlichen Fall. Wenn dein Ergebnis nur mit immer größerer Begeisterung anderer Käufer gut aussieht, markiere genau diese Abhängigkeit.

Deine nächste KI-Schlagzeile bekommt einen Taschenrechner

Schreib neben die Nachricht drei Zeilen: Was ist belegt? Was nehme ich an? Was bezahle ich? Ein belegter Geschäftsfortschritt gehört in die erste Zeile, dein Zukunftsszenario in die zweite. Die dritte darf unangenehm sein. Für Begeisterung brauchst du keinen Taschenrechner. Für unsere Promptomat-Aktie wäre einer hilfreich gewesen.

Dieser Beitrag erklärt eine Bewertungsmechanik. Er enthält keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines konkreten Wertpapiers.

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Quellen und Rechenhinweise

Redaktionsstand: 03.10.2026. Alle Quellen am 03.10.2026 abgerufen. Die Inhalte werden sinngemäß wiedergegeben; die Promptomat AG und sämtliche Szenarien sind eigene, hypothetische Beispiele.

  1. SEC / Investor.gov: „Price-earnings (P/E) Ratio“, ohne ausgewiesenes Veröffentlichungsdatum; Definition und Berechnung des KGV.
  2. SEC: „Beginners’ Guide to Financial Statements“, 12.01.2014; Abschnitte „Income Statements“, „Cash Flow Statements“ und „Financial Statement Ratios and Calculations“.
  3. SEC / Investor.gov: „How to Read a 10-K/10-Q“, 25.01.2021; Abschnitte „Business“, „Risk Factors“ und „Management’s Discussion and Analysis“.

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